Es ging um Vernichtung und um nichts anderes

Von Rechtsanwalt Johannes Kakoures, München

Das zweite inhaltliche Treffen der Münchner Ortsgruppe der DIJV war von einer Aktualität, die so weder erwartet noch gewünscht war. So hatten wenige Tage zuvor bis jetzt unbekannte Täter bundesweit Schlagzeilen gemacht, indem sie das Eingangstor des Konzentrationslagers Dachau mit der weltberühmten, zynischen Aufschrift „Arbeit macht frei“ entwendeten. Ist der Gang durch das Dachauer Lagertor schon von sich aus bedrückend genug, ist der Gang durch die sichtbare Lücke noch beklemmender. Shimrit Härtl (Schreiber), die die Führung durch die Gedenkstätte übernommen hatte, äußerte wenig Hoffnung, dass man das Tor wieder bekomme. Der Markt mit Devotionalien aus der Nazizeit sei groß, unübersichtlich und sehr gut organisiert. Es bleibt zu hoffen, dass die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden nicht weniger gut organisiert ist.
Inhaltlich war die Führung vor allem für diejenigen von erheblichen Gewinn, die zum ersten Mal die Gedenkstätte besuchten. Nach einer knappen Einführung in die Vorgeschichte zu Hitlers Machtergreifung, ausgehend vom 1. Weltkrieg, dem Versailler Vertrag, den die extreme Rechte propagandistisch ausnutzen konnte, über den Hitler-Putsch 1923 und den daraus resultierende Schwenk Hitlers auf „legalen“ Weg an die Macht kommen zu wollen, stellte Härtl die besondere Rolle Dachaus dar: Das KZ Dachau war das erste seiner Art und wurde bereits wenige Wochen nach der Machtergreifung eröffnet, da die Gefängnisse mit politischen Gegnern überfüllt waren. Dass Dachau, im Gegensatz zu anderen Konzentrationslagern, weltweit traurige Berühmtheit erlangt hat und in der öffentlichen Wahrnehmung fast ebenso bekannt wie Auschwitz wurde, liege nicht daran, dass hier ein Vernichtungslager bestand. Dies war Dachau eben nicht, sondern in seiner Funktion als Vorbild- und Musterlager. Dachau war das erste im Lagersystem der SS. Andere Lager folgten im Aufbau diesem Muster. Grausamkeiten und andere Maßnahmen wurden zuerst in Dachau erprobt und dann in den anderen Orten umgesetzt. So erhielt Dachau auch den Charakter als Ausbildungslager, u.a. wurde der berüchtigte Rudolf Höß hier auf seine Rolle als Leiter des Vernichtungslagers Auschwitz vorbereitet. Anhand einer Karte der Außenlager des KZ Dachau unterstrich Schneider die Verstrickung weiter Teile der deutschen Wirtschaft in das Ausbeutungs-, und Vernichtungssystem und zeigte anhand mehrerer Tatsachen, dass die Behauptung „man habe nichts gewusst“ wenig glaubhaft ist. So veröffentlichte der ehemalige, kommunistische Abgeordnete Hans Beimler, dem als Einzigem lebend die Flucht aus Dachau gelungen war, schon 1933 seinen Bericht „Im Mörderlager Dachau“, der in 14 Sprachen übersetzt wurde. Bis heute ist nicht geklärt, wie Beimler die Flucht gelang. Er fiel kurze Zeit nach seiner Flucht im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republikaner. Auf die ungeheuren Grausamkeiten einzugehen, die sich die Nazis an diesem Ort einfallen ließen und die von Frau Härtl (Schreiber) fundiert und einfühlsam geschildert wurden, dürfte an dieser Stelle wohl obsolet sein. Härtl (Schreiber) betonte beim Abschluss vor dem Krematorium, dass auch wenn Dachau kein Vernichtungslager gewesen sei, die Vernichtung jedes Einzelnen der hier ankam, egal aus welcher Opfergruppe, das klare, eindeutige und offenkundige Ziel war. Anhand des Beispiels der Erfurter Firma Topf & Söhne, die die Krematorien für Dachau, Auschwitz und andere Lager gebaut hatten, zeigte Härtl (Schreiber), dass nicht nur die SS in dieses System verstrickt war, sondern normale, bürgerliche Menschen, die sehr genau wussten, was sie taten. Damit appellierte sie an alle, sich immer bewusst zu machen, was jeder Einzelne beitragen kann, in die eine oder andere Richtung.
Auch wenn das eigentliche Thema, das Schicksal der jüdischen Juristen in Dachau, nun ja, vielleicht etwas sehr am Rande behandelt wurde: die Konfrontation mit dem, was man sich vielleicht erklären, aber nie verstehen kann, ist auch dann immer wieder notwendig, wenn man meint, die Orte und Geschehnisse zu kennen. Frau Härtl (Schreiber) hat diese Konfrontation sehr kenntnisreich und emphatisch begleitet. Vielen Dank hierfür, vielen Dank auch an Pia und Philipp für die Organisation.